Neueste Artikel

Winterschlaf

Dieser Blog wird nach einer ereignisreichen Start-Phase nun ein bisschen verschnaufen. Der Grund: Ich schreibe derzeit an meiner Psychologie-Bachelor-Arbeit, welche ich spätestens Ende des Jahres abgeben muss. Jede freie Minute und Hirn-Energie wird nun erst mal in dieses Projekt fließen.

In mir schlummern aber bereits viele neue Ideen und Themen über die ich schreiben möchte – ich freue mich schon auf ein frisches Comeback im neuen Jahr!

Bis hierhin schon einmal vielen Dank fürs Lesen und die vielen, unterstützenden Kommentare :-)!

Werte: unsere Big 5 nach der Reise

Puh! Nach über 3 Monaten auf Reisen braucht das zu Hause anzukommen seine Zeit und dauert auch noch an, muss ich sagen. Hitzewellen, mysteriöse Johnny-Fieber-Phasen und der damit verbundene grenzwertige Schlafmangel haben unseren euphorischen Tatendrang hier und da gebremst aber es hat sich trotzdem schon was bewegt!

Man könnte sagen, dass unsere Kompass-Rose langsam aufblüht (Aaaaw ;-)). Ich möchte hier mal 5 unserer Orientierungs-Werte festhalten, die sich während unserer Reisephase herauskristallisiert haben und auch schon gewisse handfeste Konsequenzen nach sich ziehen.

1. Leben auf kleinem Fuß oder „small living“

3 Monate lang haben wir zu viert aus ein paar wenigen Taschen gelebt. Ich würde behaupten, dass ich alle Kleidungsstücke aus dem Gedächtnis aufzählen kann, die ich in dieser Zeit dabei hatte. Es waren nicht viele aber noch viel wichtiger: ich habe eigentlich nichts vermisst, wenn man von dem Cocktail-Kleid für schicke Gelegenheiten einmal absieht. Das hat etwas mit uns gemacht und man begegnet bei der Rückkehr all dem zu Hause gebliebenen Zeug mit ganz anderer Distanz – man ist noch eher bereit, loszulassen. Wir haben es nämlich sehr genossen, dass all unser Hab und Gut unterwegs so entspannend überschaubar war. Auch haben wir die meiste Zeit auf sehr engem Raum zusammen gehaust, im Schnitt auf ca. 10 bis 15 m² – und dann auch noch im Zelt…. Und es ging! Natürlich war das nicht super komfortabel und man musste kreativ werden, um Rückzugsorte zu finden aber uns ist eines bewusst geworden: einen großen Teil unserer Wohn-Quadratmeter bewohnt unser Zeug und nicht wir! Für uns wirkte unsere 82 m²-Wohnung also wie ein weitläufiger Palast, als wir wieder kamen. Die Konsequenzen: Wir sind uns zum jetzigen Zeitpunkt sicher, dass wir uns wohnlich nicht vergrößern wollen. Wir sind dafür umso motivierter, weiter und entschlossener auszumisten, ganz nach dem Motto: Wenn wir ein ausgemistetes Stück vermissen sollten, ist das kein Grund zur Reue sondern eine wertvolle Information! Auch wollen wir Strukturen und Regeln schaffen, die das zukünftige Anhäufen von Zeug etwas hemmen und das regelmäßige Ausmisten zum Ritual machen, auch mit den Kindern. Wenn überhaupt wollen wir uns irgendwann verkleinern – WAAAAAAS?- Ja, genau, verkleinern ;-). Wir sind sehr angetan von Konzepten rund um das tiny house. Das ist aber erst Mal nur Gedankenspielerei und uns vielleicht auch erst in vielen Jahren ernst.

Unser Radreisegepäck: Auf das Wesentliche beschränkt

2. Freiheit und Flexibilität

…z.B. beim Wohnen: Als die kleine Nomaden-Familie die wir in den letzten Monaten waren haben wir es zu schätzen gelernt, dass wir immer dann, wenn sich unsere Bedürfnisse veränderten, einfach weiter ziehen konnten – dorthin, wo es uns besser ging. Natürlich streben wir jetzt nicht plötzlich ein komplett wurzelloses Schausteller-Dasein an aber wir haben festgestellt, dass das Wohnen zur Miete momentan ein bisschen besser zu uns passt als eine Immobilie zu suchen und zu kaufen. Wir haben das Glück, in einer Genossenschafts-Wohnung zu leben, die im Vergleich zum örtlichen Mietspiegel sehr günstig ist und uns deshalb nicht das Gefühl gibt, die Kohle einfach aus dem Fenster zu werfen. Stattdessen ermöglicht sie uns…

3. Zeitwohlstand

In irgendeinem der Bücher, die wir während unserer Elternzeit gelesen haben, sind wir über diesen Begriff gestolpert und dann ist er in unserem Bewusstsein einfach kleben geblieben weil er auf den Punkt bringt, was wir gerade leben. Wir haben uns ein Jahr gemeinsame Elternzeit genommen und haben uns damit bewusst gegen das Verdienen und Ansparen von Geld und stattdessen für eine Menge gemeinsamer Zeit entschieden. Für uns fühlt sich das trotzdem wie eine gute Investition an. Man kann sie zwar nicht anfassen, darin wohnen oder mit ihr herum fahren aber unser Beziehungs- und Erfahrungskontostand ist spürbar angewachsen. Wir wollen in Zukunft beide gerne arbeiten und haben keine Lust auf ein Leben, das von ständigen Geldsorgen geprägt ist aber nach und nach ist bei uns der Zeitwohlstand auf der großen Prio-Liste über den materiellen Wohlstand gerutscht. Letzteren verteufeln wir keineswegs, im Gegenteil: ein solides, finanzielles Fundament ermöglicht sehr viel Freiheit im Leben aber es soll sich für uns nicht alles danach richten. Erste Konsequenz: Noch während der Radreise hat Flo mit seinem Arbeitgeber geklärt, dass er nach seiner Rückkehr auf eine halbe Stelle reduzieren wird.

4. Gemeinschaft

Während der Reise ist uns – gerade in Krisen – sehr deutlich bewusst geworden, wie viel Wert es ist, liebe und einem verbundene Menschen in seiner unmittelbaren Nähe zu haben. Unterwegs haben sie uns wahnsinnig gefehlt, mehr als wir dachten. Aber spätestens als unsere Eltern uns aushalfen und wir schließlich für einen Monat in dem gemeinschaftlichen Wohnprojekt meiner Freundin lebten, war uns klar: Wir brauchen und wollen einen „Clan“ um uns herum. Also ein Netzwerk von Menschen, die mit der Zeit über gegenseitige Hilfe, Anteilnahme und regelmäßige Aktionen so zusammen wachsen, dass alle Beteiligten sich punktuell entlastet und in ihrer Lebenswelt einfach aufgehobener fühlen. Wir wissen zwar: Gemeinschaft ist kein Ponyhof, in dem alles immer harmonisch ist und man sich täglich nur dafür abfeiert, wie sehr man sich gegenseitig bereichert. Es bedeutet viel Arbeit, auch an sich selbst und man muss seine Toleranz trainieren, immer wieder aufs Neue. Aber wir fühlten deutlich: Gemeinschaft ist für uns ein Wert an sich geworden, den wir zukünftig ganz bewusst in unsere Alltags-Strukturen einflechten wollen. Ein mal in einer Gemeinschaft zu wohnen liegt für uns auch im Bereich des Möglichen aber nicht in den nächsten 2-3 Jahren. Ein derart aufregendes, einnehmendes Projekt, das eine Gründung oder ein Umzug in solch eine besondere Lebensform bedeuten würde ist für uns derzeit einfach eine Nummer zu groß. In unserer momentanen Situation wollen wir die Stabilität und Vertrautheit der jetzigen Umgebung genießen, haben aber große Lust, unser Leben etwas gemeinschaftlicher zu gestalten als bisher.

5. Happy Hybrid! 😀

…oder ein Hoch auf das Kontinuum! Ja, wir sind kleine Idealisten aber wir haben uns nach und nach vom entweder-oder, Hop oder Top-Prinzip verabschiedet. Wir wollen uns in Richtung unserer persönlichen Ideale bewegen, anstatt sie mit aller Gewalt und ohne Rücksicht auf Ressourcen-Verluste einfach durchzudrücken. Freundliche Richt-Werte wollen wir und keine radikalen Soll-Werte, die uns bei jedem Verstoß mit so viel schlechtem Gewissen und Selbsthass erfüllen, dass wir den Spaß an der Freud gleich gänzlich verlieren. Das bedeutet: Perspektivisch wollen wir einen kleineren ökologischen Fußabdruck anstreben, kritischer und weniger konsumieren, kleiner wohnen, minimalistischer und naturverbundener leben, achtsamer und bedürfnisorientierter erziehen und, und, und – die Liste ist lang :-). Aber ganz ehrlich: An manchen Tagen ist es für uns Herausforderung genug, die Kinder satt, sauber und lieb und selbst vielleicht noch geduscht zu haben. Da kann man nicht ALLES super „richtig“ machen. Wir wollen uns selbst nicht derart ernst nehmen, dass keine Ausnahmen, Widersprüche oder Planänderungen mehr drin sind. Man könnte jetzt meckern: Inkonsequent! Lari-Fari! Wischi-Waschi! Aber wir feiern das Moderate, die Mittelwege, Kompromisse und Hybrid-Lösungen. Die sind nicht sehr sexy aber wir glauben daran, dass sie auf Dauer realistischer für uns umzusetzen und damit auch nachhaltiger sind.

Eine Konsequenz: Wir wollen das Hybrid-Prinzip auf unsere Wohnsituation anwenden. Vor unserer Reise hatten wir zunehmend unter den Nachteilen unserer stadtnahen, an einer recht lauten Straße gelegenen Mietwohnung im dritten Stock ohne eigenen Garten gelitten und den Blick auf das gerichtet, was uns schmerzlich fehlte: Ruhe, Natur, Tür auf – Kinder raus, etc. Nun waren wir eine Weile unterwegs und haben viele Lebensorte sehen und bewohnen können. Nach und nach wurde uns klar: das Gras ist woanders nur scheinbar grüner. Überall gibt es Vor- und Nachteile – diese gute, alte Weisheit. Man kann einfach nicht alles haben: Super ruhige, bezahlbare, Vogelgezwitscher-, Baumhaus-Wohnlage UND kunterbunte Infrastruktur, tausend Ärzte, vegane Cafés und Bioläden – alles zu Fuß oder mim Rad erreichbar. Wir waren wirklich bereit, ganz weg zu ziehen von hier. Aber mit dem frischen Blick des Wiederkommens ist eine große Wertschätzung an die Stelle der alten Unzufriedenheit getreten. Wie familienfreundlich, grün und lebendig unser Viertel ist! Wie gut geschnitten, günstig und hell unsere Wohnung! Natürlich bleibt eine Bahn vor der Tür genauso ätzend laut wie vorher und die echte Natur fehlt uns immer noch sehr. Aber sobald man aufhört, zu bedauern, dass man nicht alles haben kann, öffnen sich bis dato vernachlässigte Gestaltungsspielräume! Wir wohnen zwar nicht mit Garten auf dem Lande aber wir verschreiben uns jetzt selbst eine große, wöchentliche Dosis Natur in Form von Picknicks im Park, Waldtagen, Ausflügen in die Eifel, mehr Zimmerpflanzen, grünen Naturmotiven an der Wand, Urlauben und Wochenenden in beschaulicher Natur, im Zelt oder vielleicht einmal in unserem eigenen (tiny) Ferienhaus :-D. So können wir mit der Hybrid-Einstellung am Ende doch ein bisschen alles haben.

Bücher, die wir in unserer Elternzeit gelesen haben und die uns (mehr oder weniger!) inspiriert oder zum Nachdenken angeregt haben:

  • Marie Kondo: Magic Cleaning
  • Niki Brantmark: Lagom: Not Too Little, Not Too Much: The Swedish Art of Living a Balanced, Happy Life
  • Nicola Schmidt: Artgerecht: Das andere Kleinkinderbuch
  • Nicola Schmidt & Julia Dibbern: Slow Family: Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern
  • Harald Welzer: Die Smarte Diktatur
  • Rebeca Wild: Mit Kindern leben lernen: Sein zum Erziehen
  • Norbert Nicoll: Adieu Wachstum!
  • Elisabeth Lukas: Die Kunst der Wertschätzung – Kinder ins Leben begleiten
  • Julia Seidl: Kleines Zuhause, große Freiheit: Erfüllt leben auf weniger Raum – 10 Porträts minimalistischer Lebensmodelle
  • Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit
  • …und diverse Artikel in einschlägigen Magazinen

Feuer und Flamme

Wir sind wieder in Köln aber es dauert noch eine Woche bis wir wieder in unsere Wohnung können. Das ist ein seltsamer Zustand. Wir sind ungeduldig aber auch voller Vorfreude und Tatendrang. Unsere Reise geht zwar zu Ende aber das fühlt sich an wie ein großer Anfang.

Ehrlich gesagt, fiel es mir noch nie so schwer, mich für ein Thema, einen roten Faden für einen Artikel zu entscheiden. Da ist so vieles und doch weiß ich nicht, was jetzt eigentlich dran ist. Also schreibe ich über das Jetzt. Das ist nie verkehrt. Jetzt sitze ich im Wohnzimmer meiner Eltern. Ein Kind schläft schon, das andere muss noch ein bisschen neben der Oma auf der Couch liegen weil es nicht einschlafen kann, nach all dem Reisetrubel. Nachdem wir uns von der Gemeinschaft in Hessen verabschiedet hatten, haben wir die letzten zwei Wochen in Flos alter Heimat in der Nähe von Karlsruhe verbracht und neben Familie und Freunden auch viele Freibäder und Baggerseen besucht. Jedenfalls war auch Zähneputzen heute nicht drin. Alles was ging, war trösten und kuscheln. Heute bin ich da sanft und verständnisvoll, drücke beide Augen zu. Für uns alle ist ein Ortswechsel immer erst ein kleiner Ausnahmezustand und außerdem habe ich meine Tochter einfach vermisst. Ich war schon vor zwei Tagen mit Johnny mit dem Zug angereist und heute kamen Flo und Mause mit dem Auto und all unserem Gepäck nach. So „lange“ war ich schon ewig nicht mehr von ihr getrennt.

Camping light

Ab Montag werden wir auf einem Kölner Campingplatz wohnen, für fünf Nächte. Wir freuen uns, endlich unser Zelt auszuprobieren, das wir uns schon nach Eckernförde hatten schicken lassen. Auch unsere Schlafsäcke und Isomatten werden wir nun erstmals richtig nutzen. Im Nachhinein muss ich Schmunzeln über unsere ursprüngliche Idee, im Rahmen der Radreise mehrere Wochen im Zelt zu leben. Wir hatten sogar geplant, uns mit einem Gaskocher selber zu versorgen. Ha! Das wäre eine ganz andere Hausnummer (oder Zeltnummer ;-)) gewesen. Jetzt machen wir quasi Camping light, immer mit der Option im Hinterkopf, dass ich mit Johnny oder auch wir alle bei Bedarf bei meinen Eltern pennen können, die nur ein paar Kilometerchen entfernt leben. So ist auch für unser Mittagessen und punktuelle Kinderbetreuung gesorgt. Wir machen es uns jetzt leicht und stehen dazu. Dieses Zelten fühlt sich an wie ein kleiner, verrückter Epilog unserer Reise.

Wieder da

Ein symbolischer Übergang

Neben dem Campingplatz, am Rodenkirchener Rheinufer gibt es eine Grill- und Feuerstelle, wo ich schon als Jugendliche am Wochenende oder in den Ferien lustige oder auch mal pubertär-dramatische Abende verbrachte. Dort wollen wir zum Abschluss ein kleines Feuer machen. Als Übergangs-Zeremonie, wenn man so will. Ist das übertrieben? Vielleicht. Aber wir haben einfach Lust darauf. In der Gemeinschaft in Hessen haben wir unsere Freude am Lagerfeuer wiederentdeckt und finden, dass es kaum eine stimmungsvollere und entspanntere Szenerie gibt, als an einem lauen Sommerabend um ein Feuer herum zu sitzen, zu quatschen oder auch nur gemeinsam schweigend und nachdenklich in die Flammen hinein zu träumen. Feuer hat einfach eine starke Symbolkraft und eignet sich hervorragend für uns, um tschüss und danke zu dem zu sagen, was war und sich bereit zu machen für das, was kommt.

Und was kommt jetzt?

Nun, über die vielen Wochen ist einiges passiert. Auch in uns. Unsere große Frage „Wie wollen wir Leben?“ ist immer mitgereist, auch wenn wir sie vor lauter „Hier und Jetzt“- Aufmerksamkeitsmagneten (z.B. Kinder, haha) nicht immer aktiv angehen konnten. Das Schöne ist; wenn man die Frage wirklich dabei hat, sich nur ab und zu daran erinnert, ist das gar nicht zwingend notwendig, haben wir festgestellt. Irgendwann hat sich immer dieser eine, schöne Moment ergeben, wo sich unerwartet Zeit und Raum auftaten und ein gutes Gespräch entstand, indem klar wurde, dass die Frage in uns ganz von alleine gearbeitet hat und die Antworten sich jetzt langsam aber sicher, ganz klar und leuchtend vor uns legen. Das konnte flüsternd beim abendlichen Zähneputzen sein oder auch während eines Sonnenuntergangs-Spaziergangs über Hügel und Felder, den Flos Mutter uns ermöglichte weil sie das Babyfone für uns im Auge behielt.

Noch sind es mehrere, lose Stichpunkte und Themen, die da vor uns liegen, von denen wir aber sicher wissen, dass sie die Bauteile für eine Art gemeinsamen Lebens-Kompass sind. Was jetzt noch fehlt, ist das Zusammenbauen und in Betrieb nehmen, um dann schließlich auch losziehen zu können in „unsere“ Richtung. Ich werde berichten!

HIER geht’s zum nächsten und letzten Artikel der Reise-Phase: Werte: unsere Big 5 nach der Reise

Fotos von oben nach unten: Obed Hernandez on Unsplash, Eric Weber on Unsplash, Jordan Madrid on Unsplash

Radreisen mit Kindern – das Alter der Kleinen

Unsere beiden Kinder waren zum Zeitpunkt unserer fünfwöchigen Radreise von Köln nach Eckernförde 5 Monate und 2 Jahre, 9 Monate alt. Oft wurden wir schon gefragt: Würden wir dieses Alter im Nachhinein für eine Radreise empfehlen? Die Antwort ist Jein, natürlich ;-).

Unsere Große – knapp drei Jahre alt und Reise-Profi

Mit unserer Mause war alles weitgehend unkompliziert. Sie kann sprechen, fast alles essen, schläft durch und das Wichtigste: man kann mit ihr verhandeln. Das ist Gold wert. So muss man eigentlich keine „Angst“ vor ihr haben. Wenn sie nicht gerade total übermüdet oder hungrig ist, findet man mit ihr meistens einen Kompromiss oder kann ihr Dinge oder Ziele schmackhaft machen, sodass sie gerne kooperiert. Unser Eindruck war: in diesem Alter braucht unser Kind vor allem zwei Dinge: 1. Bewegung an der frischen Luft! Wenn wir dafür gesorgt haben, dass sie am Tag und insbesondere vor dem Einstieg in den Anhänger genügend herum toben und turnen konnte, war sie insgesamt ausgeglichen, genoss die (Aus-)Zeit während der Fahrten und schlief auch nachts verdammt gut. Ist zu Hause ja ganz ähnlich. 2. Mitbestimmung und Mitarbeit! Es stellte sich heraus, dass sie ganz wild darauf war, Teil der Gesamt-Action zu sein, mit zu helfen, mit zu tragen, mit zu suchen, mit zu packen, mit zu, mit zu, mit zu! Das erfüllte sie mit Stolz und brachte auch ein paar Rituale mit sich, die ihr Halt gaben. Sie ist z.B. immer mit Flo oder mir den Schlüssel fürs Zimmer holen gegangen. Hat immer mit mir (wir „Mädels“) Zugtickets am Schalter gekauft. Hat uns immer beim finalen Beladen der Räder die Expander gereicht. Sie berichtet noch heute von diesen Abläufen. Sie war grundsätzlich dann besonders gut „an Bord“, wenn wir sie als Menschlein wie ein ernst zu nehmendes Mitglied unseres Reise-Teams behandelten und ihr auch immer wieder erklärten (und aufzeichneten!), was wir überhaupt machen, warum wir denn eigentlich weiter fahren und nicht da bleiben. Insgesamt hatten wir das Gefühl, dass ihre eigene Entwicklung durch das Unterwegssein regelrecht angekurbelt wurde. Sie ist offener, motorisch mutiger und selbstbewusster geworden. Kann natürlich sein, dass das zu Hause auch eingetreten wäre aber es war schon ein auffälliger Schub.

Unsere Tour – kindgerecht erklärt

Der Kleine – 5 Monate alt mit starkem Willi und viel Durst

So und mit Johnny war das so ne Sache. Einerseits ist das Säuglingsalter für solch eine Fahrrad-Reise extrem praktisch weil man sich, sofern man stillt, um das Essen erst mal keinerlei Sorgen machen muss. Frau hat es ja jeder Zeit richtig temperiert und keimfrei dabei und kann es auch zwischendurch am Wegesrand sitzend unkompliziert „verabreichen“. Außerdem schläft ein Baby in dem Alter noch recht viel, was praktisch für den Anhänger ist. Weiterhin kriegt es einfach noch nicht so viel mit. Für Johnny waren wir sein zu Hause, die häufigen Ortswechsel schienen ihn nicht im geringsten zu jucken. Auch dass er noch nicht krabbeln oder irgendwo hin robben konnte war natürlich eine große Erleichterung weil wir nicht überall Steckdosen verdecken, Kanten abkleben oder hinterher hechten mussten. Andererseits hat das Stillen vor allem für die Mutter ein paar nicht zu unterschätzende Nachteile: Frau hat VIEL weniger Energie zur Verfügung. Das Produzieren der Milch verbraucht etliche Kalorien, durch die Still-Hormone baut sich Muskelmasse viel langsamer auf und meistens geht auch ein nicht zu knapper Schlafentzug damit einher. Besonders deutlich spürte ich das, als ich zwischendurch krank war. Meine Selbstheilungsmechanismen schienen auf Sparflamme zu laufen weil mein Körper alle verfügbare Power in die Milch steckte. Eine Fahrradreise ist, trotz kurzer Etappen, eine sportliche Sache – besonders mit so schwer beladenen Rädern. Ich konnte, nein musste regelrecht fressen wie ein Scheunendrescher; vor, während und nach dem Radfahren, um klar zu kommen – was ich aber manchmal auch genossen habe ;-). Ja, und was bei Mause Gold wert war, ging mit Johnny natürlich nicht: mit einem Baby lässt es sich nicht reden, geschweige denn verhandeln. Ein Baby kann man nur so gut es geht lesen und dann nur noch auf das Beste hoffen. Babys entwickeln sich zudem schnell und können dann auch recht unvorhersehbar ihre Meinung ändern und von einem Tag auf den anderen das Anhängerfahren einfach nicht mehr mögen. Es lag also an Fahrtagen eine gewisse Spannung und stets die große Frage in der Luft: „wird er heute lange genug im Anhänger sitzen/schlafen wollen??“ Denn wir wussten; wenn nicht, dann haben wir ein großes Problem. Meistens ging es gut aber ein bisschen Nervenkitzel mussten wir schon aushalten.

Dann eben schieben bis er schläft…

Zusammenfassend würde ich sagen, dass jedes Kinderalter seine Vor- und Nachteile auf Fahrradreisen hat, es aber sicherlich ein bisschen einfacher ist, wenn die Kinder mindestens Ü-2 sind, sodass sie normales Zeug essen können und man mit ihnen reden kann. Reden ist SO hilfreich! Allerdings ist das während einer Elternzeit-Reise nur selten der Fall. Und die oben beschriebenen Herausforderungen würde ich jetzt auch nicht als Grund sehen, die Radreise gar nicht erst zu machen. Es hilft einfach, ein paar Dinge zu beachten. Wir geben da folgende Empfehlungen:

  • Das Wichtigste: die Etappen einfach kurz halten. Für uns hieß das: maximal 30 Kilometer und bei Höhenmetern noch weniger
  • Im Zweifel immer die nähere Unterkunft wählen. Lieber überraschend schnell schon mittags irgendwo ankommen als in mega Stress geraten
  • Für alles großzügige Zeitpuffer einplanen, insbesondere wenn man an eine Uhrzeit gebunden ist (Check-Out, Zug oder Fähre zum Beispiel)
  • Regelmäßig Pausentage einbauen und diese wirklich zum Ausruhen nutzen
  • Stets reichlich Kalorienbomben für die stillende Muddi dabei haben!
  • Grundsätzlich flexibel und offen sein für Plan B und C. Mit Kindern weiß man ja nie…;-)

Bei all dem ist es enorm hilfreich, wenn man das Anhänger-Fahren im Vorhinein mit den Kindern übt und sie daran gewöhnt. Dabei stellt man auch fest, wie die eigenen Kinder so drauf sind, was man ihnen zumuten kann, wie viele Pausen sie brauchen, ob sie gut im Anhänger schlafen können etc. Wir haben vorher eine Wochenend-Probetour von Köln nach Bonn gemacht und haben dadurch sehr wertvolle Erkenntnisse für die große Reise gewinnen können.

HIER geht’s zum nächsten Artikel: Feuer und Flamme


Radreisen mit Kindern – Lehren fürs Familienleben

Unsere Familien-Radreise von unserer Haustür in Köln nach Eckernförde ist jetzt schon über einen Monat her. Durch Gespräche, Fotos gucken und Gedanken fliegen lassen haben sich alle Erlebnisse und Eindrücke dieses besonderen Abenteuers mittlerweile gesetzt. Es wird Zeit, ein paar Erkenntnisse für uns festzuhalten.

Ganz allgemein können wir für uns sagen: es war gut, dass wir diese Fahrrad-Reise gemacht haben. Wir mussten sie einfach machen. Wir wollten das erleben. Wir wollten ein Abenteuer haben und an unsere Grenzen kommen weil wir daran glauben, dass solche Erfahrungen sehr wertvoll sein können und nachhaltig in einem wirken. Und so war es auch. Wir sind nicht nur stolz auf die zurück gelegte Strecke sondern auch dankbar für alles, was wir gelernt haben.

Selbstfürsorge

Eine wichtige Lehre, die wir mitnehmen, ist, dass zwischen entwicklungsfördernder Herausforderung und ungesunder Überforderung ein sehr schmaler und manchmal unsichtbarer Grad verläuft. Durch die Ups and Downs während der Reise ist unsere Wahrnehmung diesbezüglich achtsamer geworden. Unsere inneren Alarmglocken läuten nun zuverlässiger und rechtzeitiger wenn unser Familiensystem droht, in stressbedingte Schieflagen zu gelangen. Wir haben einige Kostproben davon genommen und erlebt, welche Mechanismen da wirken und welche Auswirkungen es hat, wenn Eltern in den Selbsterhaltungs-Modus geraten. In diesem Zustand ist es nach unserer Erfahrung fast unmöglich, seinen Kindern oder seinem Partner gerecht zu werden. Jeder scheint für sich selbst zu kämpfen weil eigene, wichtige Grundbedürfnisse nicht erfüllt sind. Wenn das zu lange andauert, nehmen Beziehungen Schaden. Wir haben auf der Reise dann immer noch rechtzeitig die richtigen Konsequenzen gezogen (Pause gemacht, meine Eltern eingeladen, uns zu besuchen, mal den Zug genommen, die Reise in Eckernförde beendet) und können aufrichtig sagen, dass es uns dadurch unterm Strich überwiegend gut ging und wir die intensive Zeit miteinander genossen haben. Aber es hat sich in dieser Zeit eine goldene Familien-Regel etabliert: Lang anhaltende Überforderung und unnötigen oder gar selbstgebackenen Stress vermeiden, wo es nur geht! Das klingt vielleicht banal und offensichtlich, ein „no-brainer“, aber wir fühlen das jetzt tatsächlich intensiver, nehmen es viel ernster. Wir treffen Entscheidungen anders, fragen uns immer, ob irgendetwas Stressiges wirklich, wirklich notwendig ist. Wir wollen unser Leben auch insgesamt so ausrichten, dass wir möglichst selten in diese ungesunde Überforderungs-Zone geraten. Das ist für mich nicht faul oder etwa egoistisch, sondern eine Verantwortung, die ich trage. Die Verantwortung, gut für uns selbst zu sorgen, um auch gute Eltern und Partner sein zu können.

Gesunde Rücksichtslosigkeit

Weiterhin habe besonders ich mich in einem Lernfeld weiter entwickelt. Ich habe ein wirksames Training in der Leistungs-Sportart „bei sich und ruhig bleiben“ oder auch bekannt unter „gesunde Rücksichtslosigkeit“ erhalten. Es verging kein Tag, an dem wir nicht entweder als sehr auffälliger und großer Fahrrad-Tross irgendwo im Weg standen, (Auf-)Zugtüren lange aufhalten oder laute Kinder in mitten von fremden Menschen trösten, wickeln oder stillen mussten. Vorher hatte ich in solchen Situationen noch immer die ganze Welt um mich herum im Blick und wollte BLOß niemanden mit meiner Anwesenheit stören oder behindern, sodass ich mich völlig verlor und verbog und die eigentlich gerade anstehende Aufgabe nicht mehr effektiv bewältigen konnte. Auf dieser Reise habe ich gelernt, dass es für alle Beteiligten mehr Sinn macht, wenn ich meine Rücksicht auch mal runterschrauben kann, den Blick auf mich und meine Familie gerichtet halte und in einer Art ruhigen Blase einfach gelassen tue, was getan werden muss. Selbst wenn man dabei mal stört, ist man auf diese Weise zumindest schneller fertig oder weg.

Losgefahren und bei uns angekommen

Den schönsten Effekt hatte unsere Radreise auf unser allgemeines Familiengefühl. Wir sind wirklich, wirklich zusammengewachsen. Natürlich waren wir auch vorher schon eng miteinander. Aber diese Zeit hatte eine Wirkung wie ein heißes Bügeleisen, das noch recht lose zusammen gesteckte Plastikperlen zu einem bunten Bügelbild zusammen schmilzt, dass dann seine Schablone nicht mehr braucht (diese Kinder-Bastel-Sache aus den 90ern, wer kennt sie nicht?;-)). Wie kam es dazu? Wir lebten 24 Stunden am Tag die selbe Realität miteinander. Wir schliefen immer im selben Raum, waren immer zusammen müde, hungrig, albern, gestresst, fröhlich, gesund und auch krank – immer auf dem selben Weg, in mitten des selben Abenteuers. Alles was wir schafften, schafften wir nur gemeinsam. Es ist schwer zu beschreiben aber wir fühlten uns wie ein Organismus, in welchem alles einander bedingt und zusammen hängt. Das bringt natürlich auch seine Nachteile mit sich – ich würde nicht wollen, dass unser Alltag so aussieht, um Gottes Willen! Aber diese Intensiv-Schmelze wirkt noch nach, hat unsere Identität als Gruppe enorm geformt und gestärkt. Wir sind erst seit ein paar Monaten zu viert und jetzt fühlen wir uns so richtig angekommen – bei uns. Ich glaube, dass wir davon noch lange profitieren werden.

Hier geht’s zum nächsten Fazit-Artikel: Radreisen mit Kindern – das Alter der Kleinen

Gemeinschaftsleben aufm Dorf

Zum Frühstück hatten wir Eier von den hier lebenden Hühnern. Alena* gab uns morgens Rucola aus dem Garten zum Probieren und Leni lieh sich Milch von uns. Dennis, Martin, Paul und Julius haben wir heute gar nicht gesehen, dafür Tina auf dem Weg zum Supermarkt getroffen. Mit Lines Papa Christian haben wir nachmittags die Mädels bespaßt. Gerade haben wir die Kinder ins Bett gebracht. Flo trinkt unten im Hof ein Bier mit Jean. Anna hat mir gerade noch Socken von Mause reingebracht und ihren Topf abgeholt. Ein ganz gewöhnlicher Tag auf „der Burg“ geht zu Ende.

Seit über zwei Wochen sind wir nun hier, auf dem Dreikanthof im hessischen Kreis Vogelsberg, den meine Freundin Leni und ihr Mann Jean vor drei Jahren gekauft haben. Mittlerweile leben hier zehn Erwachsene und vier Kinder. Nach und nach renovieren sie den teilweise über 150 Jahre alten Gebäudekomplex. Es gibt viel zu tun. Vor allem im Garten! Dank dem tief grünen Daumen von Bewohner Julius ist hier ein kleines Permakultur-Paradies entstanden; ein bunter, freier und wilder Gemüse-, Obst- und Blumengarten, der ganz ohne den Einsatz von Pestiziden auskommt weil beim Anpflanzen, Pflegen und Ernten auf gewisse Prinzipien, wie zum Beispiel das der „Schutzpflanzen“ geachtet wird – ich habe keine Ahnung von dem Thema, bin aber nicht minder beeindruckt von dem, was da so eifrig wächst, gedeiht und dann knackig-frisch auf unseren Tellern landet.

Orte der Begegnung

Neben dem Garten teilen sich alle Bewohner eine große Gemeinschafts- und Gäste-Etage im Haupthaus. So groß, dass neben Küche, Bad und zwei Schlafzimmern im Aufenthaltsraum eine Sofaecke, Esstisch, zwei Klaviere, ein Flügel, ein Kicker und eine Schaukel (!) Platz finden. Ein Traum für tobende Kinder, gemeinsames Essen, Abhängen bei schlechtem Wetter und notwendig für das wöchentliche Plenum, bei dem gemeinsame Angelegenheiten besprochen werden. Hier sind wir untergebracht und fühlen uns fast gar nicht mehr wie Gäste. Denn das Gemeinsame scheint hier einfach zu geschehen, sich zu ergeben, ganz natürlich und ohne Zwang. Mal bleibt es bei einem kurzen Zunicken aus der Entfernung, ein anderes Mal entstehen lange Gespräche am Lagerfeuer oder man isst spontan zusammen zu Mittag weil die Kinder gerade eh nicht zu trennen sind.

Diese Unverbindlichkeit des Gemeinsamen ist angenehm und gewollt, stellt aber auch eine der großen Herausforderungen dar, insbesondere für Leni und Jean. Sie vermieten die Einheiten und tragen die Hauptverantwortung. Für alles. In den drei Jahren gab es schon ein paar Ein- und Auszüge, kleinere und größere Konflikte – Diese Gemeinschaft wirkt auf mich wie ein Ebenbild des Gartens, der alle verbindet: alles ist in Bewegung, wächst, vergeht, verändert sich und das alles in einer unvorhersehbaren Eigendynamik. Mit jeder neuen Person, die einzieht, verändere sich die gesamte Atmosphäre, sagt Leni. Gelegentlich wiegt ihre Dreifachrolle als Vermieterin, Gemeinschafts-Mitglied und Vertrauensperson schwer. Aber sie glaubt an diesen einzigartigen Ort, der schon im 19. Jahrhundert als Dorftreffpunkt diente und später in den 1970ern eine Künstler-Kommune beheimatete, deren Werke und Möbel noch hier und da im Haus zu finden sind. Es ist als sei dieser Hof für die Begegnung von Menschen gedacht und gemacht. Ob Künstler, Studenten, Familien, Aussteiger, der Großstadt Entflohene oder Menschen mit Problemen – das Haus suche sich selbst die Leute aus, ziehe diejenigen an, die hier für eine gewisse Zeit hin gehören, erklärt mir Leni mit einem verschmitzten Lächeln.

Und wir?

Vielleicht hat es auch uns auf diese Weise gerufen ;-)? Wir sind hier jedenfalls zur Ruhe und Gesundheit gekommen. Dieses Haus mit der alten Seele, der wild-strukturierte Garten, die besonderen Menschen und das in den Tag hinein leben im beginnenden Sommer tun uns gerade gut. Und unsere Mause blüht hier richtig auf, wächst mit all dem Grünzeug um die Wette. Sie liebt es, die Hühner mit Löwenzahn zu füttern und das Gelände mit ihrer neuen besten Freundin Line unsicher zu machen, mit der sie immer ihre Socken tauscht und gemeinsam Pipi in die Blätter macht.

Die Eindrücke, Erlebnisse und Erkenntnisse unserer Fahrrad-Reise arbeiten in uns, haben hier Zeit und Raum, sich zu setzen. Wir spüren ganz deutlich, dass sich viel in uns getan hat – haben gerade einen sehr klaren und direkten Zugang zu dem, was uns wirklich wichtig ist und schmieden erste konkrete bis träumerische Pläne für unsere Zukunft.

HIER geht’s zum nächsten Artikel: Radreisen mit Kindern – Lehren fürs Familienleben

*alle Namen wurden von mir geändert

Fotos: T.L. & L.L. © 2019 basic by nature

Mut zur Pause

Wir haben unser lang ersehntes Ziel Eckernförde erreicht. 34 Tage, 17 Etappen und 3 Bundesländer haben wir dafür gebraucht. Ein echtes Abenteuer mit allen Aufs und Abs liegt hinter uns. Wir sind glücklich aber auch müde. Sehr sogar.

Es ist schon faszinierend, wie die Summe aller Anstrengungen einen dann erst so richtig im Ziel umhaut. Solange wir auf dem Weg waren, erlaubten wir uns es wahrscheinlich einfach nicht, unsere Müdigkeit anzuerkennen. Die Fahne wird gegen die meisten Widerstände hochgehalten und das Ziel wirkt wie ein Magnet, der zu Ende hin auch noch stärker zieht und die Motivation weiter befeuert. Man macht einfach. Als wir am neunten Mai dann schließlich in Eckernförde einrollten, waren wir zunächst euphorisiert vom Anblick des Meeres, posierten in Sieger-Pose für Fotos, für die wir sogar das erste Mal auf der Reise das kleine Stativ auspackten. Das Wetter begrüßte uns eben so warm und herzlich wie unsere Freunde. Wir verliebten uns sofort in deren frisch und stilvoll eingerichtete Wohnung. Gemeinsam stießen wir auf unseren Erfolg an – alles war schön.

Und dann passierte es in den darauf folgenden Tagen allmählich: Wir ließen die Fahne herunter sacken, schalteten den Vorwärts-Modus ab, kein Magnet zog uns mehr irgendwo hin. An die Stelle der Sonder-Reise-Energie trat eine allumfassende, tiefe Erschöpfung. Unsere Stimmung war wechselhaft, wir alle wurden mehr oder weniger krank und auch die malerischsten Landschaftsbilder konnten uns nicht nachhaltig erfreuen. Ganz eindrücklich war unser Zustand am Umgang mit den Kindern abzulesen. Ich gebe es zu: wir waren beizeiten ungerecht und abweisend, unsere Zündschnur kurz, was insbesondere unsere Große ausbaden musste. Ich hasse das; wenn ich mich quasi von außen dabei beobachten kann, wie ich komplett an meinen eigenen Erziehungsidealen scheitere. Das einzig Gute daran: Wenn sich das häuft, dann ist es ein klares Signal für mich, dass Handlungsbedarf besteht und die Situation sich baldigst ändern muss.

Abenteuer, ja! Abenteuer ohne Ende, nein danke…

Also, das ist schon eine knifflige Sache mit den eigenen Erwartungen und Vorstellungen, die man sich im Vorhinein über die Dinge so macht. Ich hatte mir vorgestellt, dass wir nach unserer Ankunft das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen, vor lauter Freude und Stolz. Ich hatte mir vorgestellt, dass wir eine total entspannte Urlaubszeit im Norden und an der Ostsee verbringen; uns ein nettes Ferienhäuschen nehmen, die Füße hoch und die Strapazen einfach zur Seite legen. Ich hatte mir vorgestellt, dass wir danach den viel gelobten Ostseeküsten-Radweg befahren und bei sommerlichem Wetter gemütlich in unserem Zelt wohnen werden. Auf jeden Fall hatte ich mir felsenfest vorgestellt, dass unser Fortbewegungsmittel Nummer eins das Fahrrad bleiben wird. Ist ja schließlich eine Familien-Radreise, so wie es auf unseren gedruckten Postkarten steht…;-)

Was ich mir vorher einfach nicht vorstellen konnte ist, wie es sich anfühlt, fast sechs Wochen am Stück mit dem Fahrrad und zwei kleinen Kindern unterwegs gewesen zu sein. Erst jetzt weiß ich, dass unser Unterfangen tatsächlich mutig war – wie es uns so oft gesagt wurde. Erst jetzt weiß ich, dass wir dieses Projekt wirklich ein Abenteuer nennen dürfen, das die Analogie zu einer Bergbesteigung erlaubt, mit allem was dazu gehört: Grenzwertige Anstrengungen, Glücksmomente, Irrwege, Lichtungen, Zwangspausen, unfassbar schöne Ausblicke und ständige Anpassungen an sich wechselnde Umstände. All das heißt auch, dass ein Abenteuer eine zeitliche Begrenzung hat, je nachdem, wie voll der individuelle Ressourcen-Koffer ist natürlich. Irgendwann ist immer eine echte Pause nötig. Sonst geht die Rechnung nicht auf. Wenn Reinhold seinerzeit einen Achttausender erklommen hat, ist er auch nicht sofort zum nächsten Gipfel aufgebrochen, sondern ist erst einmal wieder abgestiegen, ins Tal, nach Hause zum regenerieren und Kaiserschmarrn essen, um dann aus frischer Kraft heraus neue, wilde Expeditionen zu planen.

Rück-Zug in die Komfortzone

Es brauchte für uns also ein intensives Gespräch – möglich dank unseren lieben Freunden, die unsere Kinder auf dem Spielplatz bespaßten – um anzuerkennen, dass wir übelst platt sind, dass das auch logisch und in Ordnung ist und nicht im geringsten bedeutet, dass das ganze Ding ein Fehler war sondern einfach nur ein großes Abenteuer, von dem wir jetzt eine ebenso große Pause brauchen und nicht einfach weiter fahren können. Besonders für mich war es schwer, mich von meinen Vorstellungen zu verabschieden. Ich musste sie sogar mit ein paar Tränen betrauern ehe ich einen klaren Blick dafür bekommen konnte, was die nächsten Schritte sein können.

Es stellte sich heraus, dass eine echte Pause für uns nur an einem Ort möglich ist: in Köln. Das hätte ich NIE gedacht. Aber als Flo diese Möglichkeit erwähnte, stellte sich nach anfänglichem Widerstand ein extrem gutes Gefühl der Erleichterung und Stimmigkeit ein. Vor allem aus zwei Gründen: zum einen wohnen wir hier bei meinen Eltern, die große Freude daran haben, sich ausgiebig um unsere Kinder zu kümmern und uns damit den so notwendigen Regenerationsraum schaffen können. Zum anderen macht dieser Standort auch Sinn weil sich unsere nächste Station in der Nähe von Marburg befindet, wofür wir das Auto abholen und ein bisschen umpacken wollen. Wir haben vor, fast einen Monat in der Gemeinschaft einer sehr guten Freundin von mir zu wohnen. Wir schließen also mit leicht ambivalenten Gefühlen aber dennoch feierlich das Kapitel Familien-Radreise ab und schlagen dafür ein neues auf. Noch weiß ich nicht, wie es heißen wird :-).

HIER geht’s zum nächsten Artikel: Gemeinschaftsleben aufm Dorf


Oh my God, we’re back again!

Das war das erste, das Flo in den Kopf schoss, als wir letzten Sonntag in Bremen wieder zu unserer ersten reinen Fahrradetappe seit über zwei Wochen starteten. Die Backstreet Boys blieben mir bis zum Ziel im Ohr und die optimistische Laune hält bis heute an.

Nach vier Etappen, die wir nun wieder auf unsere Lieblingsart bewältigen durften, hat sich fast schon eine Reiseroutine eingestellt. Es hat sich gezeigt, dass es am besten funktioniert wenn wir den Löwenanteil der Tageskilometer gleich am Anfang und in einem Rutsch schaffen. Wenn man unsere Kleinen um ca. 10:30 Uhr in den Anhänger setzt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie erst gemütlich ein bisschen rumsitzen, -knabbern, -singen und dann bis zu 2 Stunden gemeinsam genüsslich ratzen. Voraussetzung dafür, dass das klappt, ist: Action und Satisfaction am Morgen. Also wenig Fahrtags-Stress und Zeitdruck aufkommen lassen, rausgehen, spielen, toben, müde machen. Dafür eignet sich am besten eine klare Arbeitsteilung: Einer geht nach einem ausgiebigen Frühstück mit Beiden raus, der Andere darf voll konzentriert und effizient herumwirbeln und alles zusammen packen. Das zu erledigen wenn alle in einem Raum sind à la „Darf ich mal kurz…?!“, „Mause, jetzt NICHT!“ und „Wäääääääh!“, ist einfach zu chaotisch und kräfteraubend. Wenn wir dann schließlich losrollen, ist es oberste Priorität, sich nicht zu verfahren und erst mal auch nicht mehr anzuhalten (Aufwach-Gefahr!). Deshalb hat jetzt jeder standardmäßig einen Power-Riegel in der Lenkertasche, damit das erste Loch im Bauch auch während der Fahrt gefüllt werden kann.

Moin, neues Bundesland!

Auf diese Weise haben wir Worpswede, Basdahl, und Hemmoor ohne irgendwelche Zwischenfälle erreicht und gestern nun mit der Elbfähre Schleswig-Holstein geentert, um uns für drei Tage in Glückstadt einzunisten. JA: Glückstadt. Es ist mir ein Rätsel, warum mir eine Stadt mit diesem Namen bisher unbekannt war. Da hat die ansässige Marketingabteilung sich wohl ein bisschen zu sehr dem Matjes-Thema gewidmet, vermute ich. Wechselhaftes Wind-Sonne-Regen-Wetter und eine Jugendherberge mit Blick auf hübsche, im Hafen liegende Segelboote geben uns zum ersten Mal so ein richtiges Nord-Gefühl. Am Anfang verwirrte mich das allgegenwärtige Schreien der Möwen weil ich es im Wind kaum vom Schreien meines Sohnes unterscheiden konnte ;-). Jedenfalls ticken die Uhren hier anders. Und die Leute auch. Als wir uns noch an der Fähre in einer kleinen Container-Gastronomie namens „Happy Town Beach Club“ aufwärmten und die Wirtin fragten, warum hier denn keines dieser „Willkommen in Schleswig-Holstein“-Schilder stände, antwortete sie trocken: „Nö, ihr seid hier auch nich willkomm.“ Danach lachten sie und ihr Zeitung lesender Sidekick jedoch herzlich und Mause durfte sich ein Teil aus dem Gebrauchtspielzeug-Körbchen aussuchen.

Jugendherbergen sind Familienherbergen

Wir sind wirklich recht glücklich hier in Glückstadt. Wie bisher fast immer, fühlen wir uns total wohl in der Jugendherberge. Nach mittlerweile 9 Aufenthalten hat sich mein Bild von diesen Unterkünften, das ich noch aus meiner eigenen Schulzeit hatte, radikal geändert. Vorbei ist es mit dem verdünnten Früchtetee und den versifften Matratzen. Dafür genießt man WLAN, Cappuccino und reichhaltige Buffets inklusive allem veganen und glutenfreien Pipapo. Ich mag die immer sauberen, minimalistisch aber praktisch eingerichteten Familienzimmer ohne die geschmacklosen, schief hängenden Bilder an der Wand, wie man sie in so manchen, doppelt so teuren Hotels oder Pensionen vorfindet.

Spielzimmer mit Hafenblick in der JHB Glückstadt

Gut zu wissen: Als Familie mit Kindern unter 3 zahlt man nur für die Erwachsenen und zwar den vergünstigten Preis, der eigentlich nur unter 27-jährigen vorbehalten ist. Familienfreundlichkeit wird hier groß geschrieben; man wird mit Wickelunterlage, Waschbecken-Hocker und Reisebett versorgt. Letzteres ist besonders für Mause eine feine Sache weil die Dinger eigentlich überall gleich aussehen und sie sich jedes Mal schon auf ihr Bettchen freut. Meist gibt es einen Spielplatz hinterm Haus, manchmal auch Spielzimmer drinnen und mindestens Puzzles und Bücher zum Ausleihen. Wirklich Gold wert ist das, wenn man zum Beispiel die Stunde Leerlauf zwischen Abendessen und schlafen gehen überbrücken muss. Insgesamt kann man sich hier mit Kindern einfach locker machen. Keiner guckt einen schief an wenn der Nachwuchs Lärm, Dreck (oder Gestank) macht. Die sind mit pubertierenden Schulklassen ganz anderes Gewusel gewohnt. Es herrscht eine „come as you are“-Stimmung, die Jogginghose und Schlappen beim Essen erlaubt. Die Angestellten sind irgendwie immer nett und extrem hilfsbereit. Für uns wurden schon Kinderärzte recherchiert, Dokumente gedruckt und Wäsche gewaschen. Danke, liebe Jugendherbergen!

Nun bleiben uns noch vier Etappen und dann schreibe ich das nächste Mal vielleicht schon aus Eckernförde :-)!

HIER geht’s zum nächsten Artikel: Mut zur Pause


Es braucht ein Dorf

Eine Szene: Ich liege alleine im Bett, die durch die orangenen Vorhänge gefilterten Sonnenstrahlen tauchen unser Jugendherbergs-Zimmer in warmes Yogastudio-Licht. Durch das gekippte Fenster höre ich, leicht entfernt, meine Tochter lachen und „Opa, komm!“ rufen. Neben mir dampft mein gerade aufgegossener Kamillentee und ich spüre Frieden und tiefe Entspannung in mir. Das erste Mal seit ich auf unserer Tour krank geworden war.

Es ist schon ein bisschen zum Schmunzeln. Als meine Eltern vor der Reise mal äußerten, dass sie uns gerne unterwegs besuchen würden, habe ich erst mal abgewunken und lange Reden geschwungen davon, dass sie mich loslassen müssen und wir unsere Freiheit brauchen weil wir uns ja schließlich finden wollen. Dass ich sie dann schon nach zwei Wochen – ganz krank und klein mit Hut – selbst zu uns rufen würde, hätte ich wirklich nicht gedacht. Auch nicht, dass ich ihre Anwesenheit derart genießen und auch ernsthaft brauchen würde.

Gemeinschaft – Ist das was für uns?

In den vergangenen paar Tagen ist durch all das ein Thema bei uns präsent geworden, mit dem wir uns schon vor einem Jahr recht intensiv beschäftigt haben: Gemeinschaft. Also eine Gruppe von Menschen, die sich zusammen tut, um in einem Haus, auf einem Hof oder einem Dorf in gewisser Nähe zueinander zu wohnen plus X. Es gibt mittlerweile recht viele davon, ob es nun das Mehrgenerationen-Wohnen oder das Ökodorf ist; meist entsteht so etwas aus dem Gedanken heraus, dass Gemeinschaft eine Lebensform sein kann, in der ihre Mitglieder voneinander profitieren und sogenannte Synergien entstehen können. Das alles ist keine wirklich neue Idee, man denke an die Kommunen der Siebziger. Neu daran ist, dass auch immer mehr „Normalos“ Interesse an alternativen Wohnformen haben. So wie wir ;-)!

Das Problem: ich bin bei der Sache ambivalent. Denn ich lege sehr, sehr viel Wert auf Freiraum und Selbstbestimmung und brauche recht viel Zeit mit mir alleine, um wieder „zu mir“ und überhaupt klarzukommen. All das ist seit ich Kinder habe noch wertvoller weil extrem selten geworden. Zudem bin ich aber auch harmoniebedürftig und versuche instinktiv „es allen recht zu machen“ (ich arbeite daran, diese Eigenschaft in den Griff zu bekommen…). Diese Mischung führte in der Vergangenheit dazu, dass WG-Leben in der Studizeit für mich eine manchmal anstrengende Sache war und nur da gut funktionierte, wo ich das Glück hatte, mit feinfühligen und auch ihren Freiraum brauchenden Mitbewohnerinnen zusammen zu wohnen. Ich kenne viele, die am Ende ihres Studiums feierlich verkündeten, dass sie jetzt echt „zu alt für den Scheiß“ geworden seien und sich unglaublich auf die erste eigene Bude freuten, wo sie sich endlich mal nicht mit fremden Haaren in der Dusche arrangieren müssten. Jetzt wohnen die meisten mit ihrem Partner, Kindern oder alleine, wie auch wir.

Die Vorbehalte, die man bezüglich Gemeinschaftswohnen haben kann, kenne ich also gut: Im Zentrum steht eine allgemeine, vage Befürchtung, dass du dich irgendwie übermäßig anpassen, auseinandersetzen, streiten musst. Dass irgendwer Erwartungen an dich hat, die du nicht erfüllen willst oder kannst, dass du mit einem frühstücken musst, der stinkt.

Dem Familien-Burnout vorbeugen

Soweit so gut. In den letzten Tagen passierte aber etwas in uns. Außerhalb der vertrauten vier Wände und des Westentaschen-Veedels fühlte es sich wirklich bedrohlich an, eine Kleinfamilie mit kranker Mutter zu sein. Unsere Energie-Akkus gingen schneller leer als gewohnt, wir zickten uns mehr an als gewohnt und ich wurde sehr viel langsamer gesund als gewohnt. Im Kontrast dazu dann die unglaubliche Erleichterung, als Hilfe kam und sich alle Sorgen, Aufgaben und Kinder auf mehrere Leute verteilten. Natürlich überspitzten die besonderen Reiseumstände diese Situation aber manchmal machen einem Überspitzungen etwas besonders bewusst. Grundlegende Gesetzmäßigkeiten wie: wenn es Not gibt und du bist allein = bedrohlich. Isoliert sein kann gefährlich werden – ob schleichend oder akut – für die Partnerschaft, den Seelenfrieden, den Körper und nicht zuletzt deine Kinder, die ja auf dich angewiesen sind.

Meine Ambivalenz hat sich also aufgelöst weil ich die Eingebung hatte, dass ich vielleicht gerade als Person mit einem großen Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Freiraum unbedingt dieses sprichwörtliche Dorf brauche, dass nicht nur meine Kinder mit erzieht, sondern auch insgesamt gegenseitige Entlastung schafft. Bis jetzt war es für uns auch eine Option von vielen gewesen, sich ganz alleine, im Natur-Nirgendwo nieder zu lassen, wo wir Ruhe haben und Immobilien bezahlbar sind. Trommelwirbel….tatata-taaaa: die erste Gewissheit schaffende Antwort am Wegesrand ist gefunden: Das werden wir AUF GAR KEINEN FALL tun! Zumindest nicht, solange wir Kinder im Haus haben. Der Wert von Menschen in der Nähe, die uns wirklich verbunden sind, ist in unserem Ranking mehrere Plätze nach oben gerutscht. Wenn es sich ergibt, wollen wir auf unserer Reise auch gerne die eine oder andere Gemeinschaft besuchen und uns weiter inspirieren lassen.

HIER geht’s zum nächsten Artikel: Oh my God, we’re back again!

Fotos von oben nach unten: abfotografiert aus „der Maulwurf nach dem Regen“ von Zdenek Miler, Haus: Lena Lindell auf Pixabay

Die erste Krise

Eine Woche ist nun seit dem Start unserer Familien-Radreise am Kölner Rheinufer vergangen und schon werden wir auf die Probe gestellt. Seit vier Tagen sitzen wir nun in Münster fest. Es könnte schlimmer sein aber auch sehr viel schöner.

Ich gebe es zu: Es war ein Risiko, gesundheitlich noch leicht angeschlagen in die ganze Sache zu starten. Aber ich befand mich nach einer dicken Erkältung auf dem berühmten, verheißungsvollen aufsteigenden Ast und wir hatten nun mal alle Vorbereitungen genau auf unseren Abfahrtstag ausgerichtet. Die Wohnung war schon komplett ausgeräumt, die Unterkünfte bis 10 Tage im Voraus gebucht. Wir wollten einfach unbedingt los. Und mir ging es dann auch täglich besser, bis ich in Haltern am See doch wieder mit dichten Nasennebenhöhlen und schmerzenden Gliedern aufwachte. So ein verdammter Mist.

Wir legten unsere bis dato zweite kleine Zugetappe ein und schafften es noch bis Münster in die Ferienwohnung, wo ich dann aber endgültig schlapp machte und mich nur noch ins Bett schmeißen konnte. Und da waren sie auch schon sperrangelweit offen; Tür und Tor für alle Zweifel an dem Gesamtprojekt. Ein fiebriges Häufchen Elend, wie ich es war, konnte ich nun keine Fahne mehr oben halten und ließ mich dafür runter ziehen von den Stimmen der Geister: Selber Schuld! Das hättet ihr euch doch vorher überlegen können! Kein Wunder! Unverantwortlich! Schrecklich, wie sehr man sich selbst fertig machen kann. Es war und ist nicht leicht. Unser Hauptproblem war das Dach über dem Kopf. Nach zwei Nächten mussten wir raus aus der Ferienwohnung und ich war nicht transportfähig. Und dank der Osterferien war und ist in Münster kaum etwas brauchbares frei. Stress pur, war das. Auch weil Flo alle Hände voll mit den Kindern zu tun hatte und ich bei schlechtester Internetverbindung und heftigen Kopfschmerzen Schwierigkeiten hatte, anständig zu recherchieren.

Schlussendlich hatten wir mega Glück und bekamen bis Dienstag noch was in der Jugendherberge Münster, weil wohl jemand kurzfristig storniert hatte. Von hier (kostenfreies WLAN – Juhu) schreibe ich nun auch. Wir bekommen hier Frühstück und warmes Abendessen, Flo ist mehrmals täglich mit den Kindern draußen, sodass ich schlafen kann – wir kommen soweit klar. Aber wir wollen eine Anschlusslösung, die eine vollständige Genesung ermöglicht. Ich will mit voller Energie weiterfahren und nicht mit der ständigen Angst, etwas zu verschleppen und immer wieder Zwangspausen einlegen zu müssen. Der Plan ist, morgen erst mal hier zum Arzt zu gehen und am Dienstag mit dem Zug nach Osnabrück (liegt auf der Route) in die Jugendherberge zu fahren, die wundersamer Weise eine ganze Woche lang über Ostern Platz für uns hat. Zudem freuen sich meine Eltern, dass sie ihren Wunsch, uns unterwegs mal besuchen zu dürfen, erfüllt bekommen: Für 4 Tage werden sie uns in Osnabrück unterstützen und mit uns Ostern feiern.

Soweit so gut. Mittlerweile weht wieder ein leicht optimistischer Wind aber ja, wir haben wirklich gelitten die letzten Tage und schämten uns gleichzeitig dafür. Warum auch immer. Auch dank lieber Menschen, die durch Telefonate, Nachrichten und konkrete Hilfestellungen ihren Support ausdrückten, haben wir jetzt wieder Selbstvertrauen getankt und auch so viel gelernt. Über uns selbst vor allem. Wie so oft, hilft der Blick auf das große Ganze. Wir haben vieles aber definitiv keinen Zeitdruck. Auch wissen wir von erfahrenen Radreisenden, dass krankheitsbedingte Pausen kein Beinbruch und noch weniger ein Grund zum Abbruch sind. Also bleibt die Kirche im Dorf und wir – in variierendem Tempo – auf unserem Weg nach Norden.

HIER geht’s zum nächsten Artikel: Es braucht ein Dorf

Fotos: © 2019 basic by nature