Alternative Wohnformen, Elternzeiten
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Gemeinschaftsleben aufm Dorf

Zum Frühstück hatten wir Eier von den hier lebenden Hühnern. Alena* gab uns morgens Rucola aus dem Garten zum Probieren und Leni lieh sich Milch von uns. Dennis, Martin, Paul und Julius haben wir heute gar nicht gesehen, dafür Tina auf dem Weg zum Supermarkt getroffen. Mit Lines Papa Christian haben wir nachmittags die Mädels bespaßt. Gerade haben wir die Kinder ins Bett gebracht. Flo trinkt unten im Hof ein Bier mit Jean. Anna hat mir gerade noch Socken von Mause reingebracht und ihren Topf abgeholt. Ein ganz gewöhnlicher Tag auf „der Burg“ geht zu Ende.

Seit über zwei Wochen sind wir nun hier, auf dem Dreikanthof im hessischen Kreis Vogelsberg, den meine Freundin Leni und ihr Mann Jean vor drei Jahren gekauft haben. Mittlerweile leben hier zehn Erwachsene und vier Kinder. Nach und nach renovieren sie den teilweise über 150 Jahre alten Gebäudekomplex. Es gibt viel zu tun. Vor allem im Garten! Dank dem tief grünen Daumen von Bewohner Julius ist hier ein kleines Permakultur-Paradies entstanden; ein bunter, freier und wilder Gemüse-, Obst- und Blumengarten, der ganz ohne den Einsatz von Pestiziden auskommt weil beim Anpflanzen, Pflegen und Ernten auf gewisse Prinzipien, wie zum Beispiel das der „Schutzpflanzen“ geachtet wird – ich habe keine Ahnung von dem Thema, bin aber nicht minder beeindruckt von dem, was da so eifrig wächst, gedeiht und dann knackig-frisch auf unseren Tellern landet.

Orte der Begegnung

Neben dem Garten teilen sich alle Bewohner eine große Gemeinschafts- und Gäste-Etage im Haupthaus. So groß, dass neben Küche, Bad und zwei Schlafzimmern im Aufenthaltsraum eine Sofaecke, Esstisch, zwei Klaviere, ein Flügel, ein Kicker und eine Schaukel (!) Platz finden. Ein Traum für tobende Kinder, gemeinsames Essen, Abhängen bei schlechtem Wetter und notwendig für das wöchentliche Plenum, bei dem gemeinsame Angelegenheiten besprochen werden. Hier sind wir untergebracht und fühlen uns fast gar nicht mehr wie Gäste. Denn das Gemeinsame scheint hier einfach zu geschehen, sich zu ergeben, ganz natürlich und ohne Zwang. Mal bleibt es bei einem kurzen Zunicken aus der Entfernung, ein anderes Mal entstehen lange Gespräche am Lagerfeuer oder man isst spontan zusammen zu Mittag weil die Kinder gerade eh nicht zu trennen sind.

Diese Unverbindlichkeit des Gemeinsamen ist angenehm und gewollt, stellt aber auch eine der großen Herausforderungen dar, insbesondere für Leni und Jean. Sie vermieten die Einheiten und tragen die Hauptverantwortung. Für alles. In den drei Jahren gab es schon ein paar Ein- und Auszüge, kleinere und größere Konflikte – Diese Gemeinschaft wirkt auf mich wie ein Ebenbild des Gartens, der alle verbindet: alles ist in Bewegung, wächst, vergeht, verändert sich und das alles in einer unvorhersehbaren Eigendynamik. Mit jeder neuen Person, die einzieht, verändere sich die gesamte Atmosphäre, sagt Leni. Gelegentlich wiegt ihre Dreifachrolle als Vermieterin, Gemeinschafts-Mitglied und Vertrauensperson schwer. Aber sie glaubt an diesen einzigartigen Ort, der schon im 19. Jahrhundert als Dorftreffpunkt diente und später in den 1970ern eine Künstler-Kommune beheimatete, deren Werke und Möbel noch hier und da im Haus zu finden sind. Es ist als sei dieser Hof für die Begegnung von Menschen gedacht und gemacht. Ob Künstler, Studenten, Familien, Aussteiger, der Großstadt Entflohene oder Menschen mit Problemen – das Haus suche sich selbst die Leute aus, ziehe diejenigen an, die hier für eine gewisse Zeit hin gehören, erklärt mir Leni mit einem verschmitzten Lächeln.

Und wir?

Vielleicht hat es auch uns auf diese Weise gerufen ;-)? Wir sind hier jedenfalls zur Ruhe und Gesundheit gekommen. Dieses Haus mit der alten Seele, der wild-strukturierte Garten, die besonderen Menschen und das in den Tag hinein leben im beginnenden Sommer tun uns gerade gut. Und unsere Mause blüht hier richtig auf, wächst mit all dem Grünzeug um die Wette. Sie liebt es, die Hühner mit Löwenzahn zu füttern und das Gelände mit ihrer neuen besten Freundin Line unsicher zu machen, mit der sie immer ihre Socken tauscht und gemeinsam Pipi in die Blätter macht.

Die Eindrücke, Erlebnisse und Erkenntnisse unserer Fahrrad-Reise arbeiten in uns, haben hier Zeit und Raum, sich zu setzen. Wir spüren ganz deutlich, dass sich viel in uns getan hat – haben gerade einen sehr klaren und direkten Zugang zu dem, was uns wirklich wichtig ist und schmieden erste konkrete bis träumerische Pläne für unsere Zukunft.

*alle Namen wurden von mir geändert

Fotos: T.L. & L.L. © 2019 basic by nature

4 Kommentare

  1. Das klingt wirklich sehr spannend und auch entspannt! Genießt es, und erzähl mal beim Kaffee im Detail wenn ihr wieder zu Hause seid.
    Liebe Grüße,
    Anna

    • Monika sagt

      Liebe Anna!
      Das machen wir auf jeden Fall – ich freue mich schon drauf :-).
      Liebe Grüße zurück, Moni

  2. murph sagt

    Wow, ich hatte bereits Sehnsucht nach einem Blogeintrag von Dir 😀 (no pressure).
    Ich finde das total interessant was ihr gerade macht. Wenn ich das so lese, hört es sich für mich sehr schön an (ganz ganz besonders für Mause!). Ich weiß aber nicht ob mich so eine Gemeinschaft nicht unter Druck setzen würde (unbewusst). Oft brauche ich (bzw wir) viel Zeit allein, um Dingen nachzugehen die immer zu kurz kommen vor lauter Arbeitsstress & Druck.
    Und so begegnet man doch immer Leuten, die dort wohnen und vielleicht viel kommunikativer sind als ich (oder ein größeres Connection-Bedürfnis spüren).
    Vielleicht ist der Trick wirklich dann die passenden Menschen zu finden, mit denen man so ein Projekt startet. Dann kann ich mir auch vorstellen, dass es für Leni und Jean besonders schwierig ist. Denn am Ende stehen sie in der Verantwortung Leute auszusuchen oder?
    Ich stimme mit der Anna ein. Wir müssen über Details reden, wenn ihr wieder zu Hause seid! Bis dahin alles liebe,
    m

    • Monika sagt

      Liebe Murphy,
      vielen Dank für deine Gedanken zu dem Thema. Es ist auch für uns besonders interessant, das jetzt im Selbstversuch zu erleben. Das Ding mit der Nähe – Distanz Regulierung ist eine wahre Kunst – ganz besonders in Gemeinschaften. Da braucht es eine wirklich gekonnte Kommunikation und gegenseitiges Feingefühl. Aber ich ticke da ja ganz ähnlich, wie du…
      Und ja: Leni und Jean „suchen“ die Leute aus, aber in der Regel werden alle Bewohner in dieses Prozess mit eingebunden und ihre Meinungen gehört.
      Erst mal liebste Grüße an dich!
      Moni

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