Eine Familien-Radreise, Elternzeiten
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Radreisen mit Kindern – Lehren fürs Familienleben

Unsere Familien-Radreise von unserer Haustür in Köln nach Eckernförde ist jetzt schon über einen Monat her. Durch Gespräche, Fotos gucken und Gedanken fliegen lassen haben sich alle Erlebnisse und Eindrücke dieses besonderen Abenteuers mittlerweile gesetzt. Es wird Zeit, ein paar Erkenntnisse für uns festzuhalten.

Ganz allgemein können wir für uns sagen: es war gut, dass wir diese Fahrrad-Reise gemacht haben. Wir mussten sie einfach machen. Wir wollten das erleben. Wir wollten ein Abenteuer haben und an unsere Grenzen kommen weil wir daran glauben, dass solche Erfahrungen sehr wertvoll sein können und nachhaltig in einem wirken. Und so war es auch. Wir sind nicht nur stolz auf die zurück gelegte Strecke sondern auch dankbar für alles, was wir gelernt haben.

Selbstfürsorge

Eine wichtige Lehre, die wir mitnehmen, ist, dass zwischen entwicklungsfördernder Herausforderung und ungesunder Überforderung ein sehr schmaler und manchmal unsichtbarer Grad verläuft. Durch die Ups and Downs während der Reise ist unsere Wahrnehmung diesbezüglich achtsamer geworden. Unsere inneren Alarmglocken läuten nun zuverlässiger und rechtzeitiger wenn unser Familiensystem droht, in stressbedingte Schieflagen zu gelangen. Wir haben einige Kostproben davon genommen und erlebt, welche Mechanismen da wirken und welche Auswirkungen es hat, wenn Eltern in den Selbsterhaltungs-Modus geraten. In diesem Zustand ist es nach unserer Erfahrung fast unmöglich, seinen Kindern oder seinem Partner gerecht zu werden. Jeder scheint für sich selbst zu kämpfen weil eigene, wichtige Grundbedürfnisse nicht erfüllt sind. Wenn das zu lange andauert, nehmen Beziehungen Schaden. Wir haben auf der Reise dann immer noch rechtzeitig die richtigen Konsequenzen gezogen (Pause gemacht, meine Eltern eingeladen, uns zu besuchen, mal den Zug genommen, die Reise in Eckernförde beendet) und können aufrichtig sagen, dass es uns dadurch unterm Strich überwiegend gut ging und wir die intensive Zeit miteinander genossen haben. Aber es hat sich in dieser Zeit eine goldene Familien-Regel etabliert: Lang anhaltende Überforderung und unnötigen oder gar selbstgebackenen Stress vermeiden, wo es nur geht! Das klingt vielleicht banal und offensichtlich, ein „no-brainer“, aber wir fühlen das jetzt tatsächlich intensiver, nehmen es viel ernster. Wir treffen Entscheidungen anders, fragen uns immer, ob irgendetwas Stressiges wirklich, wirklich notwendig ist. Wir wollen unser Leben auch insgesamt so ausrichten, dass wir möglichst selten in diese ungesunde Überforderungs-Zone geraten. Das ist für mich nicht faul oder etwa egoistisch, sondern eine Verantwortung, die ich trage. Die Verantwortung, gut für uns selbst zu sorgen, um auch gute Eltern und Partner sein zu können.

Gesunde Rücksichtslosigkeit

Weiterhin habe besonders ich mich in einem Lernfeld weiter entwickelt. Ich habe ein wirksames Training in der Leistungs-Sportart „bei sich und ruhig bleiben“ oder auch bekannt unter „gesunde Rücksichtslosigkeit“ erhalten. Es verging kein Tag, an dem wir nicht entweder als sehr auffälliger und großer Fahrrad-Tross irgendwo im Weg standen, (Auf-)Zugtüren lange aufhalten oder laute Kinder in mitten von fremden Menschen trösten, wickeln oder stillen mussten. Vorher hatte ich in solchen Situationen noch immer die ganze Welt um mich herum im Blick und wollte BLOß niemanden mit meiner Anwesenheit stören oder behindern, sodass ich mich völlig verlor und verbog und die eigentlich gerade anstehende Aufgabe nicht mehr effektiv bewältigen konnte. Auf dieser Reise habe ich gelernt, dass es für alle Beteiligten mehr Sinn macht, wenn ich meine Rücksicht auch mal runterschrauben kann, den Blick auf mich und meine Familie gerichtet halte und in einer Art ruhigen Blase einfach gelassen tue, was getan werden muss. Selbst wenn man dabei mal stört, ist man auf diese Weise zumindest schneller fertig oder weg.

Losgefahren und bei uns angekommen

Den schönsten Effekt hatte unsere Radreise auf unser allgemeines Familiengefühl. Wir sind wirklich, wirklich zusammengewachsen. Natürlich waren wir auch vorher schon eng miteinander. Aber diese Zeit hatte eine Wirkung wie ein heißes Bügeleisen, das noch recht lose zusammen gesteckte Plastikperlen zu einem bunten Bügelbild zusammen schmilzt, dass dann seine Schablone nicht mehr braucht (diese Kinder-Bastel-Sache aus den 90ern, wer kennt sie nicht?;-)). Wie kam es dazu? Wir lebten 24 Stunden am Tag die selbe Realität miteinander. Wir schliefen immer im selben Raum, waren immer zusammen müde, hungrig, albern, gestresst, fröhlich, gesund und auch krank – immer auf dem selben Weg, in mitten des selben Abenteuers. Alles was wir schafften, schafften wir nur gemeinsam. Es ist schwer zu beschreiben aber wir fühlten uns wie ein Organismus, in welchem alles einander bedingt und zusammen hängt. Das bringt natürlich auch seine Nachteile mit sich – ich würde nicht wollen, dass unser Alltag so aussieht, um Gottes Willen! Aber diese Intensiv-Schmelze wirkt noch nach, hat unsere Identität als Gruppe enorm geformt und gestärkt. Wir sind erst seit ein paar Monaten zu viert und jetzt fühlen wir uns so richtig angekommen – bei uns. Ich glaube, dass wir davon noch lange profitieren werden.

Hier geht’s zum nächsten Fazit-Artikel: Radreisen mit Kindern – das Alter der Kleinen

2 Kommentare

  1. murph sagt

    Hey Moni,
    ein super schöner Eintrag von Dir. Du hast viele wichtige Dinge geschrieben, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Beispielsweise „[…]dass zwischen entwicklungsfördernder Herausforderung und ungesunder Überforderung ein sehr schmaler und manchmal unsichtbarer Grad verläuft“ – also erst einmal kann man das gar nicht besser formulieren!! Und dann ist das auch einfach SOWAS von wahr! Ich finde es klasse, dass ihr viel für euch gelernt habt und in Zukunft mehr darauf achten werdet aus der „ungesunden Überforderungs-Zone“ rauszubleiben. Ich hoffe, dass mir das auch irgendwann gelingen wird. Auch wenn ich glaube, dass das wirklich viel Arbeit bedeutet. Denn es heißt auch immer wieder bitter ehrlich zu sich selbst zu sein…auch wenn man eigentlich zu Stolz ist sich Dinge einzugestehen.
    Danke für Deine inspirierenden Worte :*

    • Monika sagt

      Liebe Murph,
      ich danke dir sehr für deine Worte und es freut mich total, dass du etwas für dich aus dem Artikel ziehen konntest. Es liegt noch viel Arbeit und Übung vor mir/uns, diesen schmalen oder unsichtbaren Grad immer rechtzeitiger zu erkennen. Manchmal wird es wohl auch erst retrospektiv klar werden, dass man „drüber“ ist. Aber die Wahrnehmung wird mit der Zeit echt besser, sofern man ehrlich mit sich ist natürlich, so wie du sagst 😉
      Fühl dich gedrückt, Moni

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