Elternzeiten
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Werte: unsere Big 5 nach der Reise

Puh! Nach über 3 Monaten auf Reisen braucht das zu Hause anzukommen seine Zeit und dauert auch noch an, muss ich sagen. Hitzewellen, mysteriöse Johnny-Fieber-Phasen und der damit verbundene grenzwertige Schlafmangel haben unseren euphorischen Tatendrang hier und da gebremst aber es hat sich trotzdem schon was bewegt!

Man könnte sagen, dass unsere Kompass-Rose langsam aufblüht (Aaaaw ;-)). Ich möchte hier mal 5 unserer Orientierungs-Werte festhalten, die sich während unserer Reisephase herauskristallisiert haben und auch schon gewisse handfeste Konsequenzen nach sich ziehen.

1. Leben auf kleinem Fuß oder „small living“

3 Monate lang haben wir zu viert aus ein paar wenigen Taschen gelebt. Ich würde behaupten, dass ich alle Kleidungsstücke aus dem Gedächtnis aufzählen kann, die ich in dieser Zeit dabei hatte. Es waren nicht viele aber noch viel wichtiger: ich habe eigentlich nichts vermisst, wenn man von dem Cocktail-Kleid für schicke Gelegenheiten einmal absieht. Das hat etwas mit uns gemacht und man begegnet bei der Rückkehr all dem zu Hause gebliebenen Zeug mit ganz anderer Distanz – man ist noch eher bereit, loszulassen. Wir haben es nämlich sehr genossen, dass all unser Hab und Gut unterwegs so entspannend überschaubar war. Auch haben wir die meiste Zeit auf sehr engem Raum zusammen gehaust, im Schnitt auf ca. 10 bis 15 m² – und dann auch noch im Zelt…. Und es ging! Natürlich war das nicht super komfortabel und man musste kreativ werden, um Rückzugsorte zu finden aber uns ist eines bewusst geworden: einen großen Teil unserer Wohn-Quadratmeter bewohnt unser Zeug und nicht wir! Für uns wirkte unsere 82 m²-Wohnung also wie ein weitläufiger Palast, als wir wieder kamen. Die Konsequenzen: Wir sind uns zum jetzigen Zeitpunkt sicher, dass wir uns wohnlich nicht vergrößern wollen. Wir sind dafür umso motivierter, weiter und entschlossener auszumisten, ganz nach dem Motto: Wenn wir ein ausgemistetes Stück vermissen sollten, ist das kein Grund zur Reue sondern eine wertvolle Information! Auch wollen wir Strukturen und Regeln schaffen, die das zukünftige Anhäufen von Zeug etwas hemmen und das regelmäßige Ausmisten zum Ritual machen, auch mit den Kindern. Wenn überhaupt wollen wir uns irgendwann verkleinern – WAAAAAAS?- Ja, genau, verkleinern ;-). Wir sind sehr angetan von Konzepten rund um das tiny house. Das ist aber erst Mal nur Gedankenspielerei und uns vielleicht auch erst in vielen Jahren ernst.

Unser Radreisegepäck: Auf das Wesentliche beschränkt

2. Freiheit und Flexibilität

…z.B. beim Wohnen: Als die kleine Nomaden-Familie die wir in den letzten Monaten waren haben wir es zu schätzen gelernt, dass wir immer dann, wenn sich unsere Bedürfnisse veränderten, einfach weiter ziehen konnten – dorthin, wo es uns besser ging. Natürlich streben wir jetzt nicht plötzlich ein komplett wurzelloses Schausteller-Dasein an aber wir haben festgestellt, dass das Wohnen zur Miete momentan ein bisschen besser zu uns passt als eine Immobilie zu suchen und zu kaufen. Wir haben das Glück, in einer Genossenschafts-Wohnung zu leben, die im Vergleich zum örtlichen Mietspiegel sehr günstig ist und uns deshalb nicht das Gefühl gibt, die Kohle einfach aus dem Fenster zu werfen. Stattdessen ermöglicht sie uns…

3. Zeitwohlstand

In irgendeinem der Bücher, die wir während unserer Elternzeit gelesen haben, sind wir über diesen Begriff gestolpert und dann ist er in unserem Bewusstsein einfach kleben geblieben weil er auf den Punkt bringt, was wir gerade leben. Wir haben uns ein Jahr gemeinsame Elternzeit genommen und haben uns damit bewusst gegen das Verdienen und Ansparen von Geld und stattdessen für eine Menge gemeinsamer Zeit entschieden. Für uns fühlt sich das trotzdem wie eine gute Investition an. Man kann sie zwar nicht anfassen, darin wohnen oder mit ihr herum fahren aber unser Beziehungs- und Erfahrungskontostand ist spürbar angewachsen. Wir wollen in Zukunft beide gerne arbeiten und haben keine Lust auf ein Leben, das von ständigen Geldsorgen geprägt ist aber nach und nach ist bei uns der Zeitwohlstand auf der großen Prio-Liste über den materiellen Wohlstand gerutscht. Letzteren verteufeln wir keineswegs, im Gegenteil: ein solides, finanzielles Fundament ermöglicht sehr viel Freiheit im Leben aber es soll sich für uns nicht alles danach richten. Erste Konsequenz: Noch während der Radreise hat Flo mit seinem Arbeitgeber geklärt, dass er nach seiner Rückkehr auf eine halbe Stelle reduzieren wird.

4. Gemeinschaft

Während der Reise ist uns – gerade in Krisen – sehr deutlich bewusst geworden, wie viel Wert es ist, liebe und einem verbundene Menschen in seiner unmittelbaren Nähe zu haben. Unterwegs haben sie uns wahnsinnig gefehlt, mehr als wir dachten. Aber spätestens als unsere Eltern uns aushalfen und wir schließlich für einen Monat in dem gemeinschaftlichen Wohnprojekt meiner Freundin lebten, war uns klar: Wir brauchen und wollen einen „Clan“ um uns herum. Also ein Netzwerk von Menschen, die mit der Zeit über gegenseitige Hilfe, Anteilnahme und regelmäßige Aktionen so zusammen wachsen, dass alle Beteiligten sich punktuell entlastet und in ihrer Lebenswelt einfach aufgehobener fühlen. Wir wissen zwar: Gemeinschaft ist kein Ponyhof, in dem alles immer harmonisch ist und man sich täglich nur dafür abfeiert, wie sehr man sich gegenseitig bereichert. Es bedeutet viel Arbeit, auch an sich selbst und man muss seine Toleranz trainieren, immer wieder aufs Neue. Aber wir fühlten deutlich: Gemeinschaft ist für uns ein Wert an sich geworden, den wir zukünftig ganz bewusst in unsere Alltags-Strukturen einflechten wollen. Ein mal in einer Gemeinschaft zu wohnen liegt für uns auch im Bereich des Möglichen aber nicht in den nächsten 2-3 Jahren. Ein derart aufregendes, einnehmendes Projekt, das eine Gründung oder ein Umzug in solch eine besondere Lebensform bedeuten würde ist für uns derzeit einfach eine Nummer zu groß. In unserer momentanen Situation wollen wir die Stabilität und Vertrautheit der jetzigen Umgebung genießen, haben aber große Lust, unser Leben etwas gemeinschaftlicher zu gestalten als bisher.

5. Happy Hybrid! 😀

…oder ein Hoch auf das Kontinuum! Ja, wir sind kleine Idealisten aber wir haben uns nach und nach vom entweder-oder, Hop oder Top-Prinzip verabschiedet. Wir wollen uns in Richtung unserer persönlichen Ideale bewegen, anstatt sie mit aller Gewalt und ohne Rücksicht auf Ressourcen-Verluste einfach durchzudrücken. Freundliche Richt-Werte wollen wir und keine radikalen Soll-Werte, die uns bei jedem Verstoß mit so viel schlechtem Gewissen und Selbsthass erfüllen, dass wir den Spaß an der Freud gleich gänzlich verlieren. Das bedeutet: Perspektivisch wollen wir einen kleineren ökologischen Fußabdruck anstreben, kritischer und weniger konsumieren, kleiner wohnen, minimalistischer und naturverbundener leben, achtsamer und bedürfnisorientierter erziehen und, und, und – die Liste ist lang :-). Aber ganz ehrlich: An manchen Tagen ist es für uns Herausforderung genug, die Kinder satt, sauber und lieb und selbst vielleicht noch geduscht zu haben. Da kann man nicht ALLES super „richtig“ machen. Wir wollen uns selbst nicht derart ernst nehmen, dass keine Ausnahmen, Widersprüche oder Planänderungen mehr drin sind. Man könnte jetzt meckern: Inkonsequent! Lari-Fari! Wischi-Waschi! Aber wir feiern das Moderate, die Mittelwege, Kompromisse und Hybrid-Lösungen. Die sind nicht sehr sexy aber wir glauben daran, dass sie auf Dauer realistischer für uns umzusetzen und damit auch nachhaltiger sind.

Eine Konsequenz: Wir wollen das Hybrid-Prinzip auf unsere Wohnsituation anwenden. Vor unserer Reise hatten wir zunehmend unter den Nachteilen unserer stadtnahen, an einer recht lauten Straße gelegenen Mietwohnung im dritten Stock ohne eigenen Garten gelitten und den Blick auf das gerichtet, was uns schmerzlich fehlte: Ruhe, Natur, Tür auf – Kinder raus, etc. Nun waren wir eine Weile unterwegs und haben viele Lebensorte sehen und bewohnen können. Nach und nach wurde uns klar: das Gras ist woanders nur scheinbar grüner. Überall gibt es Vor- und Nachteile – diese gute, alte Weisheit. Man kann einfach nicht alles haben: Super ruhige, bezahlbare, Vogelgezwitscher-, Baumhaus-Wohnlage UND kunterbunte Infrastruktur, tausend Ärzte, vegane Cafés und Bioläden – alles zu Fuß oder mim Rad erreichbar. Wir waren wirklich bereit, ganz weg zu ziehen von hier. Aber mit dem frischen Blick des Wiederkommens ist eine große Wertschätzung an die Stelle der alten Unzufriedenheit getreten. Wie familienfreundlich, grün und lebendig unser Viertel ist! Wie gut geschnitten, günstig und hell unsere Wohnung! Natürlich bleibt eine Bahn vor der Tür genauso ätzend laut wie vorher und die echte Natur fehlt uns immer noch sehr. Aber sobald man aufhört, zu bedauern, dass man nicht alles haben kann, öffnen sich bis dato vernachlässigte Gestaltungsspielräume! Wir wohnen zwar nicht mit Garten auf dem Lande aber wir verschreiben uns jetzt selbst eine große, wöchentliche Dosis Natur in Form von Picknicks im Park, Waldtagen, Ausflügen in die Eifel, mehr Zimmerpflanzen, grünen Naturmotiven an der Wand, Urlauben und Wochenenden in beschaulicher Natur, im Zelt oder vielleicht einmal in unserem eigenen (tiny) Ferienhaus :-D. So können wir mit der Hybrid-Einstellung am Ende doch ein bisschen alles haben.

Bücher, die wir in unserer Elternzeit gelesen haben und die uns (mehr oder weniger!) inspiriert oder zum Nachdenken angeregt haben:

  • Marie Kondo: Magic Cleaning
  • Niki Brantmark: Lagom: Not Too Little, Not Too Much: The Swedish Art of Living a Balanced, Happy Life
  • Nicola Schmidt: Artgerecht: Das andere Kleinkinderbuch
  • Nicola Schmidt & Julia Dibbern: Slow Family: Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern
  • Harald Welzer: Die Smarte Diktatur
  • Rebeca Wild: Mit Kindern leben lernen: Sein zum Erziehen
  • Norbert Nicoll: Adieu Wachstum!
  • Elisabeth Lukas: Die Kunst der Wertschätzung – Kinder ins Leben begleiten
  • Julia Seidl: Kleines Zuhause, große Freiheit: Erfüllt leben auf weniger Raum – 10 Porträts minimalistischer Lebensmodelle
  • Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit
  • …und diverse Artikel in einschlägigen Magazinen

3 Kommentare

  1. murph sagt

    Hallo liebe Moni,
    MEGAAAAA! Ich habe mich sehr auf diesen Artikel gefreut und bin total glücklich über eure Erkenntnisse. Wir haben für uns auch in vielen Situationen den Mittelweg als Goldenen Weg auserkoren. Extreme sind anstrengend. Etwas extrem hart abzufeiern oder zu hassen kostet einfach mehr Energie als einfach in sich selbst zu horchen und ne Scheibe von allem zu nehmen. Das Leben ist leider kein Star Wars Film, wo die böse und gute Seite des Lebens eindeutig zu erkennen/zu vermeiden ist. Oder wo man eben NUR eine Seite wählen kann und (mal aufs Leben bezogen) bspw. in einem Tiny House oder in KEINEM Tiny House wohnt. Was ist mit einem doppelt großen Tiny House? Was ist eben mit einer Arbeitszeitverkürzung anstatt 100%, wenn man mit dem Geld was man hat auskommt? Oder eben einen Ausflug in die Eifel, ans Meer oder sonst wohin anstatt sich direkt nach einem Haus am See umzusehen (was auch ziemlich geil, aber doch häufig realitätsfern ist)? Ich kann eure Gedanken sehr gut nachvollziehen und bin voll bei euch.
    Ein Hoch auf das Kontinuum!
    murph

    • Monika sagt

      Liebe Murph! Again: Vielen Dank für deinen Kommentar! Du hast so recht: Das Leben ist nicht nur kein Ponyschlecken, sondern eben auch kein dualistischer Star Wars Film, auch wenn das vielleicht manchmal einfacher wäre…
      Danke, dass du mit uns warst und bist!
      Raise your horns für das Kontinuum, haha 😉

  2. Pingback: Feuer und Flamme

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